Titelbild Blogbeitrag Hokkaido 2026: Riesenseeadler auf Packeis

Tanzende Kraniche, kreisende Adler: Vogelfotografie im winterlichen Hokkaidō

Eine Reise mit der Kamera in den winterlichen Norden Japans
Im Februar nach Hokkaidō zu gehen bedeutet viel Kälte, viel Eis – und eine Landschaft, die auf den ersten Blick in einer Winterruhe verharrt. Auf den zweiten Blick aber ist sie voller Leben. Der Norden Japans ist im Winter ein außergewöhnliches Ziel für Natur- und Vogelfotografie, nicht nur der Arten wegen, sondern auch aufgrund der Bedingungen. Zwischen Packeis, heißen Quellen und verschneiten Ebenen entstehen Begegnungen, die über die Bilder hinaus als Momente im Kopf bleiben.

Unterwegs im Osten von Hokkaidō

Angekommen sind wir, meine Frau und ich, in Sapporo. Von dort aus fuhren wir mit dem Auto los. Ziel waren einige der bekannten Winterspots im Osten.

  • die Adler rund um die Hafenstadt Rausu
  • die Mandschurenkraniche bei Tsurui
  • die Singschwäne am Lake Kussharo
  • sowie einige Stopps entlang der Strecke


Geplant haben wir alles selbst. Keine Agenturen, keine Reiseveranstalter. Grundsätzlich ist das machbar, aber die Organisation war stellenweise eine echte Herausforderung. Ohne die Hilfe eines japanischen Freundes hätten wir einige Unterkünfte vermutlich gar nicht buchen können. Am Ende war es ein gesunder Mix aus Hotels und Airbnbs.

Riesenseeadler in Rausu: Mit dem Boot ins Packeis

Rausu, eine kleine Fischereistadt am Rand des Shiretoko-Nationalparks, ist einer der bekanntesten Hotspots für Vogelfotografie auf Hokkaidō. Im Winter sammeln sich hier hunderte Adler – sowohl Seeadler aus auch die gewaltigen Riesenseeadler. Sie kommen, um entlang der Küste zu überwintern, und profitieren dabei vom Zusammenspiel aus Naturschutz, Fischerei und Tourismus. Auch wenn die Tiere an den Hängen zum Meer überall zu sehen sind: Die Beobachtung findet in der Regel vom Boot aus statt.

Die Boote fahren hinaus in die Meerenge, oft bis ins Packeis, und bringen Fisch aus. Innerhalb kürzester Zeit erscheinen die Adler, kreisen über dem Wasser oder sitzen auf den Eisschollen und warten auf ihre Chance. Für Fotografen ist das ein spektakuläres Schauspiel.

Riesenseeadler (Steller's Sea Eagle) im Flug am frühen Morgen

Als wir am ersten Tag hinausfuhren, war davon allerdings wenig zu sehen. Kein Packeis, nur offenes, dunkles Meer. Erst über Nacht drehte der Wind.

Am nächsten Morgen war die Meerenge voller treibender Eisschollen – und mit dem Eis kamen auch die Adler. Sie saßen auf den Schollen, starteten von dort aus zur Jagd oder folgten den Booten.

Riesenseeadler (Steller's Sea Eagle) im Zweikampf um Beute auf dem Packeis

Und was für ein Tier dieser Riesenseeadler ist. Unser heimischer Seeadler erreicht beeindruckende 1,8 bis 2,4 Meter Spannweite. Doch der Riesenseeadler mit bis zu 2,8 Metern und diesem massiven, orange-gelb leuchtenden Schnabel wirkt im direkten Vergleich noch einmal deutlich größer. Wenn so ein Vogel dicht über das Boot hinwegzieht, spürt man förmlich den Druck seiner Schwingen.

Und trotzdem bleibt ein ambivalentes Gefühl.

Einerseits sind diese Begegnungen intensiv, nah und fotografisch kaum zu übertreffen. Andererseits stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Rolle der Mensch dabei spielt.

Die Adler haben gelernt, den Booten zu folgen und das ausgelegte Futter zu nutzen. Das erhöht ihre Chancen, gut durch den Winter zu kommen – verändert es aber gleichzeitig ihr Verhalten? Ob dieses Zusammenspiel langfristig sinnvoll ist, lässt sich schwer beurteilen. Fakt ist: Der Riesenseeadler ist bedroht, und jedes Tier, das in seine Brutgebiete zurückkehren kann, ist ein Gewinn.

Für den Moment bleibt vor allem die Erfahrung selbst – und ein gewisser Zweifel, der mitschwingt.

Zwischen Trompeten und Tradition: Der Tanz der Mandschurenkraniche

Es gibt Begegnungen in der Natur, die mehr sind als nur ein schöner Moment – sie fühlen sich an wie ein Privileg. Die Begegnung mit den Mandschurenkranichen auf Hokkaidō gehört zweifellos dazu.
Der Mandschurenkranich zählt zu den seltensten Kranicharten der Welt.

Heute leben nur etwa 2400 Tiere. Dass es überhaupt noch so viele sind, grenzt fast an ein kleines Wunder. Im späten 20. Jahrhundert wurde ein Großteil ihres ursprünglichen Lebensraums in Russland, China und Japan in Farmland umgewandelt. Vielerorts versuchen Zoos und Schutzgebiete inzwischen mit Zuchtprogrammen gegenzusteuern, um die Art zu erhalten.

Auf Hokkaidō selbst galt der Kranich zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits als verschwunden. Erst 1924 bildete sich wieder eine kleine Gruppe. Und dann kam der Winter 1952. Eine extreme Frostperiode drohte die letzten etwa dreißig Tiere zu töten. Bauern aus der Region legten damals Futter an einer heißen Quelle aus, an der sich die Kraniche versammelten. Diese einfache, menschliche Geste rettete ihnen vermutlich das Überleben – und daraus entstand eine Tradition. Bis heute bringen Bauern im Winter Futter auf die Felder, wodurch sich die Population auf Hokkaidō stabilisieren konnte.

Genau dort durfte ich sie erleben.

Noch vor Sonnenaufgang liegt die Landschaft still und kalt da. Raureif bedeckt die Felder, die Luft ist klar und schneidend. Bevor in der Ferne die ersten Silhouetten auftauchen, hört man vom Fluss her die ersten Rufe. Und dann geht es los: Große, elegante Vögel gleiten lautlos durch den Morgenhimmel. Die Kraniche wissen genau, wohin sie müssen. Seit Generationen fliegen sie zu diesen Feldern.

Dann kommen die Bauern.

Mandschurenkranich (Red-crowned crane) bei Balz und Tanz im Schnee von Tsurui
Kaum betreten sie das Feld und beginnen mit der Fütterung, verändert sich die Stimmung schlagartig. Die Kraniche landen in immer größerer Zahl. Ihre Flügel schlagen langsam durch die kalte Luft, und überall erklingen ihre trompetenden Rufe. Das Schauspiel beginnt: Paare springen synchron in die Luft, werfen die Flügel weit auf, verbeugen sich voreinander und beginnen ihren Tanz. Es sind komplexe Balzrituale – vielleicht die aufwendigsten unter allen Kranicharten. Nebenan geraten zwei Vögel in einen Revierstreit, springen hoch, schlagen mit den Flügeln, rufen laut. Ein paar Meter weiter steht ein Paar ganz still nebeneinander, die Köpfe hoch erhoben, als würden sie gemeinsam den Morgen begrüßen.
Mandschurenkranich (Red-crowned crane) im Schnee, Portrait

Diese Mischung aus Tanz, Rufen, Rivalität und Zärtlichkeit wirkt fast surreal.

Kein Wunder, dass der Mandschurenkranich in der asiatischen Kunst seit Jahrhunderten eine so große Rolle spielt. Wer dieses Verhalten einmal erlebt hat, versteht sofort warum. Es ist anmutig, würdevoll – und gleichzeitig voller Energie.

Mit der Kamera in der Hand versucht man, diesen Moment einzufangen. Aber irgendwann merkt man: Es geht gar nicht mehr nur ums Fotografieren. Man steht einfach da und schaut. Lässt die Szene wirken.

Die weißen Körper im Schnee.
Die schwarzen Flügel, die sich im Sprung öffnen.
Die roten Kronen, die im Morgenlicht leuchten.

Und man denkt daran, wie knapp diese Art dem Verschwinden entgangen ist.

Dass sie heute noch hier tanzen, verdanken sie nicht nur Schutzprogrammen – sondern auch ein paar Bauern, die vor Jahrzehnten beschlossen haben, ein paar Vögeln durch einen harten Winter zu helfen.

Vielleicht macht genau das diese Begegnung so besonders: Man erlebt nicht nur ein Naturwunder, sondern auch eine Geschichte darüber, wie Mensch und Natur gemeinsam überleben können.

Und mittendrin stehen die Mandschurenkraniche und tanzen im Schnee.

Die Königin der Nacht: Der Riesenfischuhu, die größte Eule der Welt

Neben den Adlern gibt es auf Hokkaidō noch einen weiteren Rekordhalter: den Riesenfischuhu. Weniger als 1.000 Exemplare gibt es – entsprechend besonders ist jede Begegnung. Die Fotografie dieses Tieres findet unter ungewöhnlichen Bedingungen statt: eine feste Location, künstliches Licht, lange Wartezeiten.

Wir saßen von 17 Uhr bis tief in die Nacht bei -8°C am offenen Fenster, einpackt in Decken, Handschuhen, Mütze. Wir wurden müde, wir wurden unaufmerksam – und irgendwann, kurz vor Mitternacht, tauchte die Eule dann auf.

Wie ein Schatten gleitet das Tier durch die Nacht. Lautlos, präzise. Ohne scharfen Blick hätten wir es einfach verpasst. Wie kann ein Tier dieser Größe nur so still sein?

Riesenfischuhu (Blackiston's fish owl) am Fish Owl Observatory in Rausu, Japan

Kleine Geschichten am Rand: Zufall, Geduld und dieser eine Moment

Nicht alles ist auf Reisen planbar:

Die Kragenente und das eine Bild

Normalerweise etwa überwintern viele Enten recht nah an den Küsten rund um Rausu, da das Packeis das offene Meer bedeckt. Doch in diesem Jahr war das Packeis sehr begrenzt. Das bedeutet: viel Platz für die Enten, und entsprechend viel Abstand.

Die Kragenente gehört für mich zu den schönsten Enten überhaupt, und meine einzige Chance sah ich mitten im Hafen. Dort lag ich dann auf der Schifframpe unter einem Tarnnetz und wartete.

Geduldig sein. Frieren, Zweifeln. Während ich für einige Passanten zur Attraktion wurde, war mein Blick immer auf die Enten gerichtet. Und dann dieser eine Moment:

Ein einziger Kragenenten-Erpel schwamm genau in die richtige Position – und ich bekam dieses eine Bild. Mein einziges dieser Art von der ganzen Reise, und doch so wertvoll für mich.

Kragenente (Harlequin duck) Männchen schwimmend im Wasser

Der etwas andere Haubenfischer

Eigentlich gilt er als extrem schwierig zu fotografieren: scheu, schreckhaft und ständig in Bewegung: der Haubenfischer, einer der größten Eisvögel der Welt. Am letzten Tag unserer Reise, das Gespräch bereits verstaut, machten wir noch einen kurzen Abstecher in einen Park. Und plötzlich saß er da.

Nur wenige Meter entfernt.

Er flog einen Kanal zur Fischjagd an, flog mit der Beute davon, und kam wieder. Das Ganze wiederholt sich sogar mehrfach. Nicht geplant, nicht vorbereitet – und auch nicht wirklich viel Zeit gehabt dafür. Aber genau deshalb ein besonderer Moment.

Haubenfischer (Crested kingfisher) in Sapporo, Hokkaido

Die Pallaswasseramsel im Schnee

Rund um einen kleinen Flusslauf, den ich eigentlich aufgrund des Uhus und der Adler aufsuchte, stolperte ich beinahe über einen kleinen Vogel, der sich flink und gewandt durch das Wasser bewegte: Die Pallaswasseramsel, das ostasiatische Pendant zu unserer Wasseramsel.

Langsam robbte ich mich die Flussböschung hintern und legte mich an das eisige Ufer. Und tatsächlich kam die Wasseramsel näher, trillerte vor sich hin und schwang sich auf zur Jagd im seichten Flusslauf. Einfach toll.

Pallaswasseramsel (Brown dipper) in Eis und Schnee am Fluss sitzend

Im Dampf der heißen Quellen: Singschwäne am Lake Kussharo

Am Lake Kussharo versammeln sich jedes Jahr Singschwäne an den beiden heißen Quellen an der Ostküste des Sees. Dort tritt warmes Wasser an die Oberflächen des Sees, was oft dazu führt, dass es die einzigen eisfreien Flächen sind.
Singschwan (Whooper swan) im aufsteigende Nebel an heißer Quelle am Lake Kussharo, Hokkaido, Japan

Zum Sonnenaufgang dort zu liegen und einfach nur zuzuschauen ist unglaublich beruhigend. Mit dem ersten Licht wird die Szene lebendiger, die Rufe werden lauter, klarer, bis schließlich das typische Trompeten der Schwäne den Morgen erfüllt.

Fotografisch bringt die Szene allerdings einige Herausforderungen mit sich: die Tiere sind teilweise so nah, dass mein 600mm-Objektiv eigentlich zu groß ist (ein anderes habe ich nicht). Dazu kommt die aufsteigende, warme Luft, die schnell für flimmernde, unscharfe Bilder sorgt. Der Ausschuss war enorm.

Viele großartige Szenen – und genauso viele Bilder, die daran scheiterten.

Fazit: Vogelfotografie in Hokkaidō schafft Eindrücke, die bleiben

Diese Reise bot vieles gleichzeitig: Beeindruckend, intensiv, manchmal aber auch widersprüchlich. Viele der Begegnungen wären ohne den Einfluss des Menschen so nicht möglich gewesen. Gleichzeitig waren die Begegnungen so emotional, dass sie besonders im Gedächtnis bleiben.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Faszination und Zweifel, die diese Orte so besonders macht. Ich kann diesen Trip nur empfehlen, wenn man sich nicht nur mit offenen Augen und Ohren, sondern auch mit offenem Geist darauf einlassen kann.

Ich werde noch lange davon zehren.

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